klavierkonzert
mit Klavierkonzerten von Ager, Cage, Torkewitz, Urbanner ZUM ANHÖREN AUF DIE TITEL KLICKEN
KLAUS AGER: Serenade op. 60 für Klavier und Ensemble (1990)
Kaori Nishii, Klavier
ensemble reconsil, Leitung: Roland Freisitzer
JOHN CAGE: Concert for Piano and Orchestra (1958)
Johannes Marian, Klavier; Studierende der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien: Sanghee Cheong, Bettina Dokter, Csaba Fuchs, Sybille Häusle, Krzysztof Kokoszewski, Michael Krenn, Andy Ottensamer, Stephanie Prenn, Mathew Smith, Sebastian Stingl, Jacek Stolarczyk, Shen Tan, Anna Zambal, Christoph Zeilinger
Leitung: Dieter Torkewitz
Mittwoch, 22. April 19:30 Uhr, 3RaumAnatomietheater,
Raum1 und Hörsaal
ERICH URBANNER: Klavierkonzert '76 (1976)
Das „Klavierkonzert“ ist ein Werk der Reminiszenz. Es rezipiert – ohne falsch verstandene Nostalgie und ohne Tendenz zur Nachahmung – das konzise Wesen des Konzertierens. In seinem sprachlichen Duktus streift es Musikgeschichtliches: Anklänge an das 19. Jahrhundert und den Neoklassizismus werden darin spürbar. Gesten, Wendungen, Floskeln und Phrasen werden als gattungsbezogene und identitätsstiftende wie individualitätsverzerrende Wegmarken implantiert und mitunter zur blanken Ironie, zur sarkastischen Randbemerkung gesteigert. Vom Wettstreit des Solisten gegen das Kollektiv wandelt sich das „Konzert“ zum ästhetischen und geistesgeschichtlichen Focus, in dem sich das solistische Individuum gegen die Vereinnahmung durch ein rezeptionsgeschichtlich festgeschriebenes Kollektiv behaupten muss, allerdings nicht zum Zweck der Fortschreibung der Gattungstradition, sondern zur Begründung einer neuen Kollektivität. So mag der Titel „Konzert“ in einem neuen – oder soll man sagen wiedergewonnenen? – instrumentalen Sinne aufgefasst werden, und ich habe ihn auch in diesem Sinne benützt.
Erich Urbanner
DIETER TORKEWITZ: Klavierkonzert für Klavier, 4-kanaliges Tonband und Lichtpartitur (1981/83)
In den 70er Jahren sagten viele von denen, die was zu sagen hatten und die meinten zu wissen, wo's lang zu gehen hat in der Neuen Musik, man dürfe/solle wieder ordentliche Musik schreiben: Symphonien, Sonaten, Konzerte, Einfaches, Tonales, Natürliches. Und auch ich grübelte darüber, wie sie denn sein könnte, eine neue alte / alte neue Musik. Und ich begann – mit damaligem elektronischen Gerät – ein wirkliches Klavierkonzert zu entwerfen, wirklich! Doch irgendwie geriet alles ganz anders: Ein schlafender Pianist, ein nicht vorhandenes Orchester, stattdessen trügerische Naturidylle von den Lautsprechern. Anfänglich. Dann aber – kaum mehr erwartet – verändert sich das Geschehen…
Dieter Torkewitz
KLAUS AGER: Serenade op. 60, für Klavier und Ensemble (1990)
Dieses kleine „Konzert“ für Klavier und 10 Instrumente entstand im Herbst 1990 und ist den „New Music Concerts“ in Toronto / Kanada und seinem künstlerischen Leiter Robert Aitken gewidmet.
Ursprünglich für Hammerklavier und Ensemble geschrieben, wurde in der vorliegenden Fassung der Klavierpart den Gegebenheiten des modernen Klaviers etwas angepasst. Doch in der musikalischen Konzeption – insbesondere die Balance zwischen Klavier und Ensemble betreffend – hat sich nur wenig verändert. So war ich bestrebt, der besonderen Klanglichkeit eines Hammerklaviers vor allem durch die Instrumentierung Rechnung zu tragen. Diese ist – entsprechend dem melodisch-klanglichen Facettenreichtum eines Hammerflügels – weitgehend zart gehalten. Ein percussiver Effekt, der für das moderne Klavier seit Bartók so typisch ist, fehlt gänzlich. Die harmonisch-melodiöse Klanglichkeit bleibt nicht ohne Konsequenzen für die formale Anlage: die musikalisch-kompositorische Auseinandersetzung findet besonders im Formalen statt. Direkt historisierende Elemente wurden vermieden, eine Verbindung zu Früherem findet eher übergeordnet statt: So verweist der Titel „Serenade“ auf Vorbilder des 18. Jahrhunderts, und auch der prinzipielle Ausdrucksgehalt lässt sich mit diesen in Beziehung bringen.
Klaus Ager
JOHN CAGE: Concert for Piano and Orchestra (1958)
Sie wirken wie AutistInnen: die SpielerInnen, die – jede(r) für sich – ihre/seine Klänge in den Raum schicken, zeitlich orientiert am kon- und diskontinuierlich kreisenden Arm-Sekundenzeiger des Dirigenten. Und alle werden dabei gleich behandelt: SolistIn wie OrchesterspielerInnen – ein durch und durch demokratisches Konzept. Sie haben alle zuvor – nach den Angaben Cages – ihre Einzelstimmen selbst verfertigt, den Klang- und Zeitablauf dabei präzise festgelegt, ohne Wissen um die Stimmen der anderen. Aber auch der Dirigent weiß nicht, was ihn erwartet. Er ist genauso auf sich selbst gestellt, hat keinerlei Einfluss auf das Klanggeschehen, bietet lediglich die für alle verbindlich geltende und per Sekundenzeiger sichtbar gemachte Spielzeit.
Eine derart entsubjektivierte Musik kann automatenhaft und faszinierend zugleich wirken. Sie widerspricht im Grunde allem bisherigen musikalischen Normenverständnis: nicht präzises Zusammenspiel, genaues Aufeinander-Hören, dynamische und agogische Feinabstimmung untereinander sind gemeint, sondern von all dem das Gegenteil. So kann in glücklichen Fällen das gelingen, was sich Cage letztlich wünschte: ein auf Grundlage strengster Selbstdisziplin jeder/jedes Einzelnen beruhendes frei sich entfaltendes Kommunizieren von Klängen, ein die „Klänge sich selbst Sein-Lassen“, wie Cage des öfteren sagte.
Dieter Torkewitz
Johannes Marian geboren in Wien, Studium an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Wien (Instrumentalpädagogik, Tonsatz, u.a. mit den Lehrern Carmen Graf-Adnet, Harald Ossberger, Alfred Uhl). Internationale Konzerttätigkeit als Solist und Kammermusiker vor allem mit Musik des gesamten zwanzigsten Jahrhunderts und mit zeitgenössischer Musik. Auftritte bei zahlreichen Festivals wie Wiener Festwochen, Wien modern, Hörgänge und steirischer herbst sowie in bedeutenden Konzertsälen in vielen europäischen Ländern (Wiener Musikverein, Wiener Konzerthaus, Kölner Philharmonie, Radio France Paris, Auditorio Nacional Madrid u.a.). Persönliche Zusammenarbeit mit zahlreichen Komponisten, darunter John Cage, Friedrich Cerha, Georg Nussbaumer, Christian Ofenbauer, Dieter Schnebel, Christian Wolff, Hans Zender. Seit 1992 Pianist des Ensembles Wiener Collage; Mitglied von Symphoid, einem Ensemble für Musik und ihre Derivate. Unterrichtstätigkeit am Bruckner-Konservatorium Linz sowie an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien.
Kaori Nishii geboren in Tokio. Studium an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (Klavier Konzertfach bei Heinz Medjimorec und Vokalbegleitung bei David Lutz) sowie am Konservatorium der Stadt Wien (Kammermusik bei Johannes Kropfitsch und Klavier Pädagogik bei Franz Zettl). Besuch von Meisterklassen bei Oleg Maisenberg, Lazar Berman und Pawel Gililow. Preise: Erika Chary Förderpreis (2000 und 2002), Bösendorfer-Stipendium (2001), 1. Preis der Alban Berg-Stiftung sowie der 11. ISA, 2. Preis des 1. Dr. Joseph Dichler Klavierwettbewerbs sowie des 7. Internationalen Johannes Brahms-Wettbewerbs. Konzertauftritte beim Yamaha Centenial Concert, beim Internationalen Musikfestival Moscow autumn; Kammermusikabende mit dem Ensemble Wiener Consort sowie zahlreiche Konzerte im In- und Ausland als Solopianistin und Kammermusikerin. Seit 2003 Mitglied des ensemble reconsil wien.
Dieter Torkewitz geboren in Ingolstadt. Studium Schulmusik (Saarbrücken), Komposition (bei Wolfgang Fortner) und Musikwissenschaft (bei Hans Heinrich Eggebrecht). Erste Lehrtätigkeiten an der Universität in Freiburg i. Br. und an der Musikhochschule in Trossingen. Von 1980-2003 Professor für Musiktheorie an der Folkwang-Hochschule in Essen. Dort – neben einer umfangreichen Lehrtätigkeit – in zahlreichen Hochschulgremien tätig (als Senatsmitglied, Dekan u.a.). Von 2001-2002 Gastprofessor und seit 2003 Professor für Musiktheorie an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Wissenschaftliche Studien von der Entstehung abendländischer Mehrstimmigkeit bis zur Neuen Musik mit einem Schwerpunkt auf dem 19. Jahrhundert.
Roland Freisitzer (*1973), Studium der Komposition u.a. bei Alfred Schnittke und Avet Terterian. Ab 1991 Besuch des Tschaikowsky Konservatoriums Moskau. Meisterkurse bei Krzysztof Penderecki, Marco Stroppa und Magnus Lindberg. 1991 gründete er in Moskau das ensemble reconsil, das er bei zahlreichen Uraufführungen und Tourneen leitete. 2002 gemeinsam mit Thomas Heinisch und Alexander Wagendristel Gründung des ensemble reconsil wien. Aufführungen seiner Werke wie auch Dirigate bei fast allen namhaften Orchestern der ehemaligen Sowjetunion. Zahlreiche Aufführungen seiner Werke auch in ganz Europa. Uraufführungen aus jüngster Zeit: music for 6 musicians (2005), „red“ - music for piano and ensemble (Musikverein Wien 2006), 2. Hornkonzert (CD-Produktion bei Capriccio).
ensemble reconsil Gründung 2002 durch die österreichischen Komponisten Roland Freisitzer, Thomas Heinisch und Alexander Wagendristel. Die wichtigsten Ausgangspunkte zur Gründung eines neuen Ensembles für zeitgenössische Musik in Wien: Werke bei Komponisten in Auftrag zu geben, die, obwohl stilistisch sehr unterschiedlich, ihre eigene persönliche Sprache entwickelt haben und sich dadurch auch vom derzeitigen „Mainstream“ abheben; in längerer Zusammenarbeit mit den Komponisten die Werke so oft wie möglich zur Aufführung zu bringen und auch einzuspielen; die Arbeit mit einem Ensemble, das aus engagierten und auf höchstem Niveau spielenden Musikern besteht, welche die Musik unserer Zeit (insbesondere durch die Zusammenarbeit mit den Komponisten) gerne spielen; Wahrung der Kontinuität durch die gegenseitige Verpflichtung, immer in derselben Besetzung zu spielen. Seit 2002 Aufführungen von über 100 vorwiegend für das Ensemble komponierten Werken.