musikalisches theater
Werke von Kagel, Liszt, Ligeti, Kaufmann, Flunger
MAURICIO KAGEL: Der Eid des Hippokrates, für Klavier zu 3 Händen (1984)
Thomas Desi, Klavier
Ingomar Rainer, Klavier
Dieter Torkewitz, Klavier
MAURICIO KAGEL: General Bass, für kontinuierliche Instrumentalklänge (1971/72)
Ingomar Rainer, Cembalo
MAURICIO KAGEL: Recitativarie, für singende Cembalistin (1971/72)
Ingomar Rainer, Cembalo und Gesang
MAURICIO KAGEL: Unguis incarnatus est, für Klavier und … (1972)
Dieter Torkewitz, Klavier
Sebastian Stingl, Kontrabass
FRANZ LISZT: Nuages gris, für Klavier (1881)
Dieter Torkewitz, Klavier
GYÖRGY LIGETI: Passacaglia ungherese, für Cembalo (1978)
Ingomar Rainer, Cembalo
DIETER KAUFMANN: Grand Jeu
Alfred Melichar, Akkordeon
Dieter Kaufmann, Klangregie
Donnerstag, 23. April 19:30 Uhr, 3RaumAnatomietheater
MAURICIO KAGEL: Der Eid des Hippokrates, für Klavier zu 3 Händen (1984)
Diese aphoristische Komposition entstand im Januar 1984 zum Anlaß einer Veröffentlichung über meine Arbeit der letzten Jahre in einer medizinischen Fachzeitschrift. Da ich seit einiger Zeit oft in Wartezimmern und Kliniken verweile, gedachte ich erneut des edlen Eides. Ob es mein Wunsch war, den ritterlichen Vorsätzen des Hippokrates gemäß behandelt zu werden, oder eher meine Neugierde an der Bedeutung des griechischen Medizinmannes, sei dahingestellt. Jedenfalls schrieb ich ein Klavierstück, daß [das] mit drei linken Händen, aber auch mit einer Kombination von rechten und linken Händen für zwei oder drei Pianisten aufgeführt werden kann. Eine Hand ist über längere Passagen damit beschäftigt, Abschnitte des Originaleides mittels leiser, morseähnlicher Anschläge auf einem Punkt des Gehäuses zu trommeln: „Ich schwöre bei Apoll dem Arzte und Asklepios und Hygieia und Panakeia und allen Göttern und Göttinnen ...“.
(März 1984)
Mauricio Kagel
MAURICIO KAGEL: Unguis incarnatus est, für Klavier und … (1972)
Die ersten fünf Töne, die den melodischen – und zugleich harmonischen – Auftakt dieser Komposition von 1972 bilden, sind identisch mit dem Beginn des Klavierstücks „Nuages Gris“ von Franz Liszt aus dem Jahre 1881. Gerade in seinen späteren Werken gelangt Liszt zu dem Beweis, daß eine äußerste Intensität des Ausdrucks auch mit einer umfassenden Reduktion der Mittel erreicht werden kann. Bereits diese Beschränkung zugunsten nachhaltigerer Wirkung läßt Liszts Rolle als Initiator eines Expressionismus mit „knapp-bemessener-Tonanzahl“ erkennen, die erst Jahrzehnte später, jedenfalls in Schönbergs „Sechs kleinen Klavierstücken op. 19“ oder den „Bagatellen für Streichquartett“ von Anton Webern stilistische Würdigung und gerechte Fortsetzung fand. Die kompositorische Beziehung von „Unguis incarnatus est“ zu „Nuages Gris“ wäre etwa mit jenen Paraphrasen Liszts zu den Werken anderer Komponisten zu vergleichen, die ihm als Ausgangspunkt der musikalischen Betrachtung dienten. Und wie Liszt ein Anschwellen innewohnender Tendenzen des Modells bewußt betreibt (und auf diese Weise inflationistische Stilmerkmale bei Wagner zum Beispiel bloßstellt), so ähnlich wurde hier verfahren: durch Verharren auf sparsamem Klingen habe ich die innewohnende Stille dieser grauen Wolken und zugleich ihr musikalisches Stilleben zu potenzieren versucht.
Der terminus technicus „unguis incarnatus est“ wird in der Medizin für eingewachsene Nägel verwendet. Es wäre dem Zuhörer gegenüber sicherlich nicht gerecht, würde man die Zusammenhänge zwischen Titel und Komposition eindeutig festlegen. Im Verlauf des Stückes ist mehrfach Gelegenheit geboten, das Stigma des (eingefleischten) Begriffs in Bezug zur dargestellten Musik zu bringen. Die besondere Rolle, die dem Klavierpedal hier zugeteilt wurde, kann sicherlich als vollendetes Indiz zur Enträtselung gewertet werden.
Mauricio Kagel
Zu Kagels Instrumentalem Theater
Kagels kritische Auseinandersetzung mit dem Musiktheater führte ihn ab den sechziger Jahren auf die Spur, das „Theatralische“ am Musizieren selbst zu thematisieren und den Interpreten im weiter gedachten Sinn zum Protagonisten eines Schau- und Hör-Spiels zu machen. Mit Sur scène, einem kammermusikalischen Theaterstück in einem Akt, war 1959 das Instrumentale Theater geschaffen worden. Mit musikalischen Mitteln inszeniert Kagel ein Bühnengeschehen auf dem Konzertpodium, das die ritualisierten und stereotypen Formen der Musikdarbietung sprengt. Die Sprache als Handlungsträger, das gesungene Wort, ist keineswegs mehr Voraussetzung einer musikszenischen Darstellung. Wird auf Textvorlagen zurückgegriffen, so können sie durchaus auch – wie im Fall der Recitativarie – ad absurdum geführt werden: religiöse Texte werden fragmentiert und zu überraschenden Wortfolgen neu zusammengestellt. General Bass, Recitativarie für singende Cembalistin und Unguis incarnatus est gehören einer elfteiligen Werkgruppe mit dem Titel Programm, Gespräche mit Kammermusik (1971/72) an.
Elisabeth Haas
GYÖRGY LIGETI: Passacaglia ungherese, für Cembalo (1978)
Das Stück ist vorzugsweise auf einem in mitteltöniger Temperatur gestimmten Instrument zu spielen: die acht großen Terzen bzw. kleinen Sexten, auf denen die Musik basiert, erklingen rein in dieser Stimmung.
Uraufführung am 5. 2. 1979 in Lund (Schweden) durch Eva Nordwall. Passacaglia ungherese ist Eva und Ove Nordwall gewidmet.
DIETER KAUFMANN: Grand Jeu
für Akkordeon und Tonband
opus 70 ,Tonband realisiert im Studio der GMEM
für Chantal Dumas, Christian Calon
Uraufführung: 19.02.1992
mit Alfred Melichar (Musée d'art moderne, Marseille)
Ingomar Rainer Cembalist, Organist, Ensembleleiter und Dirigent, wissenschaftliche Tätigkeit. Lehrtätigkeit an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (Historische Aufführungspraxis, Cembalo, Generalbass, Strukturanalyse, Kulturgeschichte); 1986-89 Leitung der Orgel- und Cembaloklasse am Kärntner Landeskonservatorium. Gastprofessur für Historische Aufführungspraxis in Graz (1993/95/97); Gastkurse und Workshops u.a. auch in Italien und Japan. Wissenschaftliche Tätigkeit, Editionen, Aufsätze und Rezensionen. Konzerttätigkeit und CD-Produktionen als Solist, Kammermusiker, Ensembleleiter und Liedbegleiter in ganz Europa, Skandinavien, Nordafrika und Japan. Zusammenarbeit mit namhaften Solisten und in verschiedenen Ensembles für alte und neue Musik (Wiener Akademie, Ensemble 20. Jahrhundert u.a.). Gründer und Leiter des Ensembles „Studio da camera“ mit Konzerten alter (auf Originalinstrumenten) und neuer Musik bei namhaften Festivals im In- und Ausland.
Dieter Torkewitz Musiktheoretiker, Musikwissenschaftler, Komponist. Studium Schulmusik (Saarbrücken), Komposition (bei Wolfgang Fortner) und Musikwissenschaft (bei Hans Heinrich Eggebrecht). Erste Lehrtätigkeiten an der Universität in Freiburg i. Br. und an der Musikhochschule in Trossingen. Von 1980-2003 Professor für Musiktheorie an der Folkwang-Hochschule in Essen. Dort – neben einer umfangreichen Lehrtätigkeit – in zahlreichen Hochschulgremien tätig (als Senatsmitglied, Dekan u.a.). Von 2001-2002 Gastprofessor und seit 2003 Professor für Musiktheorie an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Wissenschaftliche Studien von der Entstehung abendländischer Mehrstimmigkeit bis zur Neuen Musik mit einem Schwerpunkt auf dem 19. Jahrhundert.